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Digitalisierung: Wie lässt sich die Gesundheitskompetenz fördern?

Berlin - Die Gesundheitskompetenz in Deutschland ist verbesserungsbedürftig. Das gilt vor allem für Versicherte und Patienten, aber auch für Ärzte, wie ein Symposium der Gesellschaft für Wirtschaftlichkeit und Qualität bei Krankenkassen (GWQ) in Berlin jetzt deutlich machte. Die Veranstaltung zeigte auch, welche Chancen die Digitali­sierung im Gesundheitswesen bietet, um gesundheitsrelevante Informationen zu finden, zu verstehen und kritisch zu beurteilen.

 

Das Wissen der Versicherten in Deutschland werde derzeit von Informationsdefiziten, Fehlinformation und Überfluss an Informationen bestimmt, betonte Johannes Thormälen, GWQ-Vorstand. Mit der Digitalisierung gebe es jedoch neue Möglichkeiten für die Versichertenkommunikation und -information, die die Krankenkassen nutzen könnten. 

 

Evidenz verstehen

Wie kann Gesundheitskompetenz gefördert werden? Für ein effizientes Gesundheits­system seien zwei Kompetenzen erforderlich, betonte Gerd Gigerenzer, Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin. „Ärzte und Gesundheitspersonal, die Evidenz verstehen, sowie Patienten, die mitdenken möchten. Wir haben beides noch nicht.“

Nach Studien Gigerenzers verstehen rund 80 Prozent der Ärzte in Deutschland keine Gesundheitsstatistiken, weil Evidenz im Medizinstudium nicht gelehrt wird. Darüber hinaus wissen ihm zufolge die meisten Patienten nicht, wo sie verlässliche Informationen im Internet finden. Zudem können sie oftmals nicht zwischen Information und Werbung unterscheiden.

Gigerenzer empfiehlt daher Positivlisten mit verlässlichen Quellen für Gesundheits­informationen sowie Faktenboxen, in denen die beste Evidenz zu einem Themengebiet verständlich und patientenorientiert dargestellt wird. Diese Faktenboxen sollten beispielsweise auf Internetseiten der Krankenkassen und in den Wartezimmern der Ärzte verfügbar sein.

Die AOK hat ihm zufolge als erste Krankenkasse diese Form der evidenzbasierten Patienteninformation umgesetzt. Zudem sollte die Aus- und Fortbildung von Ärzten und Pflegekräften auch Gesundheitsstatistik und Risikokommunikation umfassen. Schließlich sei Gesundheitsbildung bereits im Kindergarten und in der Schule notwendig.

Großes Informationsbedürfnis der Patienten

Ein etwas anderes Bild von den Patienten als Gigerenzer zeichnete Marion Grote-Westrick von der Bertelsmann-Stiftung. Es gebe ein hohes Informationsbedürfnis der Patienten, doch werde diesem nicht entsprochen, kritisierte sie. Ein Beleg dafür sei, dass 50 Prozent der Patienten vor einem Arztbesuch und 60 Prozent danach im Internet zu ihrem Gesundheitsproblem recherchierten – aus den unterschiedlichsten Motiven heraus.

„Viele Patienten kennen gute Seiten im Internet nicht, die Bekanntheit von evidenzbasierten Quellen ist gering – sowohl bei Patienten als auch bei Ärzten“, betonte sie. Daher könnten Ärzte die Patienten auch nicht gut beraten. Gesundheits­informationen seien immer noch eine „Holschuld“ des Patienten, es gebe in Deutschland keine „Bringschuld“ des Gesundheitssystems. Darüber hinaus sei aber auch zu fragen: „Was bietet das System denjenigen, die schon kompetent sind?“

Kommunikation am Patienten vorbei

„Viele Patienten wollen mitdenken“, meinte auch Gertrud Demmler, Vorständin der Siemens-Betriebskrankenkasse. „Die fehlende Gesundheitskompetenz ist eigentlich eine Krise der Wissenschaftskommunikation.“ Eine Übersetzung fehle häufig, „alterna­tive Fakten“ gehörten zum Medizinalltag. Die Arzt-Patienten-Kommunikation in Deutschland sei zudem stark expertengetrieben, der Praxisbezug fehle häufig, und die Betroffenensicht werde zu wenig berücksichtigt.

Krankenkassen könnten auf Basis von Versichertenkontakten und -daten in die Bresche springen und dieses vorhandene Wissen nutzen, um relevante personalisierte Informationen zur Verfügung stellen, nur: „Wir dürfen es nicht.“ Rechtlich seien den Kassen derzeit die Hände gebunden. Künftig könnten Informationen nicht mehr nur per Internet, etwa über Gesundheits­portale oder andere Quellen, zur Verfügung gestellt werden, sondern auch über die elektronische Patientenakte.

An Patienten gerichtete schriftliche Informationen wie Aufklärungsbögen oder Flyer „sind oft meilenweit weit von Verständlichkeit entfernt“, erklärte Ansgar Jonietz, Mitgründer und Geschäftsführer der Webseite „Was hab ich?“, über die sich Patienten Arztbriefe von Medizinstudierenden übersetzen lassen können. 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland haben ihm zufolge Schwierigkeiten beim Verständnis von Texten auf Grundschulniveau. Nach Studien sind dies in vielen Fällen gerade diejenigen, die am meisten von guten Gesundheitsinformationen  profitieren würden.

Aber auch in der mündlichen Kommunikation hapert es. „Viel hängt dabei an der Kommunikationskompetenz des Arztes“, meinte Jonietz. Es sei viel zu wenig, was dem Arzt als sprechenden Beruf in der Ausbildung vermittelt werde. Ein großes Potenzial liegt ihm zufolge in der Individualisierung der schriftlichen Informationen. „Der Patient braucht  das, es fällt ihm schwer, allgemeine Informationen für sich einzuordnen und auf sich zu beziehen.“

Medizinkultureller Wandel

Für Attila Altiner, Universitätsmedizin Rostock, ist Empowerment  auf ärztlicher Seite nötig, um googelnden Patienten gerecht zu werden. Manche Ärzte beurteilten googelnde Patienten negativ, dabei seien sie „eine Chance“ und böten einen Anknüpfungspunkt für den Arzt im Kontakt mit seinem Patienten. Es gelte, schon Medizinstudierende zu sensibilisieren und auch die Weiterbildung zu nutzen, damit Ärzte mit den informierten Patienten umzugehen lernen. Eine „intelligente Vereinfachung“ der medizinischen Informationen erfordere zudem viel Aufwand.

Alexander Schachinger, Geschäftsführer der EPatient RSD GmbH, verwies auf Bildung und Alter als häufig unterschätzte Einflussfaktoren für die digitale Gesundheits­kompetenz. Nach dem EPatient Survey 2018 wünschen sich die Patienten, digitale Versorgungsangebote direkt von ihrem Arzt oder von medizinischem Fachpersonal zu erhalten. Studien haben ergeben, dass sich die hohen Abbruchraten von Apps oder Coachingprogrammen dadurch um den Faktor fünf verringern, so der Marktexperte.

Laut Schachinger ändern sich die Vertriebskanäle für digitale Gesundheits­anwen­dungen beziehungsweise die Wege zum Patienten („touch points“) zunehmend. So gibt es immer mehr Außenwerbung, etwa U-Bahn-Plakate (etwa für „Ada Health“), und  Printkampagnen, die auf neue Anwendungen hinweisen (wie „Dipat“, die Online-Patientenverfügung).

Die Evidenz und der Nutzennachweis der Gesundheits-Apps gewinne an Fahrt, „Studien hierzu explodieren förmlich“, meinte er. Außerdem werden Apps nicht mehr nur in den App-Stores angeboten, sondern ebenso wie Coaching­programme verstärkt über herkömmliche Versorgungsstrukturen, etwa über Apotheken oder von den Krankenkassen. © KBr/aerzteblatt.de

 

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